Arbeitsmarktsituation: Es geht nicht darum, dass Menschen nicht arbeiten wollen.

Tobias Höllbacher | SERU



Neben vielen anderen Faktoren - ausländische Fachkräfte, die nach der Corona-Zeit nicht mehr zurückgekommen sind, Menschen, die sich in einer anderen Branche wohler fühlen, mehr Pensionierungen als neue Arbeitskräfte, die auf den Arbeitsmarkt kommen, usw.  – macht es auch der gesellschaftliche Trend der Work-Life-Balance für Unternehmen schwieriger, genügend Arbeitskräfte zu finden. Diesen Trend beobachtet der Tiroler CSR-Experte Tobias Höllbacher schon seit längerem. Er rät Unternehmen, in ihre Unternehmenskultur zu investieren.

Herr Höllbacher, was steckt aus Ihrer Sicht hinter dem Trend zur reduzierten Arbeitszeit?
Das hat mehrere Gründe. Zum Ersten hat sich der Anspruch an Arbeit verändert. Vom Zugang zur Arbeit, um das Leben zu finanzieren über die Suche nach Selbstverwirklichung hin zu einem Anspruch, der sich jetzt stärker zeigt: Dass Arbeit als sinnvoll und sinnstiftend erlebt werden soll. Bisher ging es aus Unternehmenssicht darum, Leistung abzuverlangen und dafür entsprechende Entlohnung zu geben. Das ist den Arbeitnehmenden jetzt zu wenig.

Zum Zweiten besinnen sich die Menschen speziell nach der Corona-Zeit auf soziale Werte, auf ihr soziales Umfeld. In dieser Zeit wurde für die Menschen spürbar, was es bedeutet, wenn man nicht in Kontakt ist. Wenn man kein Feedback hat, es gibt ja mehrere Ebenen der Kommunikation. Es hat ein Nachdenken stattgefunden, wie man leben will, die Pandemie war eine Ursache davon und mit dem Ukraine-Krieg, der ja um´s Eck stattfindet, sind Ängste ausgelöst worden, die die Frage nach dem Sinn zusätzlich verstärkt haben.

Und zum Dritten sind mit unserem Wirtschaftssystem empfindliche Grenzen überschritten worden. Die Donut-Ökonomie zeigt das schön auf. Nach außen hin gibt es planetare Grenzen, die wir beispielsweise mit dem Klimawandel oder dem Artensterben überschritten haben. Nach innen gibt es soziale Grenzen, da darf es keinen Mangel wie Chancenungleichheit, steigende Armut usw. geben. Das wird gesellschaftlich immer weniger akzeptiert.  

Und die Menschen, vor allem die Jüngeren, reagieren darauf, indem sie nicht mehr arbeiten wollen?
Nein, es wäre unfair, das zu behaupten. Es geht nicht darum, dass Menschen nicht arbeiten, sich nicht einbringen wollen. Fast die Hälfte der Österreicherinnen und Österreicher über 15 Jahre, das sind 3,5 Millionen Menschen, engagieren sich ehrenamtlich. Sie schenken ihre Zeit her. Warum machen sie das? Weil es ihnen wert ist, einer sinnvollen Tätigkeit nachzugehen, bei Institutionen oder in der Nachbarschaftshilfe. Die Menschen fangen an, ähnlich über ihren Arbeitsplatz nachzudenken. Ist mir die Arbeit in dem Unternehmen das wert, 8 Stunden hinzugehen? Oder bin ich zufriedener mit weniger Arbeit und mit weniger Geld und ich bringe mich anderswo ein?

Was kann ein Unternehmen konkret tun?
In erster Linie sollte dieser gesellschaftliche Wandel ernst genommen werden. Wenn man langfristig für Arbeitnehmende attraktiv sein möchte, ist es beispielsweise wichtig, den Fokus auf die Unternehmenskultur zu legen. Sich die sogenannten informellen Regeln näher anzuschauen: Auf welche Art und Weise gehen wir miteinander um? Wie geht es Einzelnen dabei? Ich glaube, dass Unternehmen die Unternehmenskultur in der Vergangenheit zu wenig berücksichtigt haben. Wichtig ist auch, Rollen zu definieren, klar zu kommunizieren, welchen Beitrag Mitarbeitende für das Unternehmen leisten, wie wichtig der oder die Einzelne für das Team und für die Abteilung und damit letztendlich für das Unternehmen ist.  

Wird auf diesen Wandel von den Unternehmen bereits reagiert?
Nein. Es gibt Führungskräfte, die sind sehr engagiert, die haben das erkannt, aber bei den meisten ist das noch nicht angekommen. Da braucht es offenbar einen großen Leidensdruck. Dieser wird aufgebaut, wenn man auf Stellenausschreibungen längere Zeit keine passenden Bewerbungen erhält.  

Abschließend noch eine Frage zum Green Deal: Was braucht es aus Ihrer Sicht, damit die Transformation in eine nachhaltige Wirtschaft gelingt?
Ich denke es kann mit einer Kombination aus Druck und Zug gelingen. Diejenigen Unternehmen, die nachhaltig wirtschaften, die Verantwortung übernehmen, die ihren gesellschaftlichen Beitrag leisten, die sollen unterstützt werden, die sollen alle Chancen und Möglichkeiten erhalten, sich weiter zu verbessern. Gleichzeitig braucht es ein Instrument, das nicht zahnlos ist. Auf EU-Ebene zu sagen, so hätten wir es gerne, reicht nicht aus. Es braucht nationale Gesetze und Richtlinien, an die man sich verpflichtend halten muss.

 


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