Die Dramatik der Situation wird noch nicht gesehen.

Michael Bauer-Leeb | Sprecher CSR-Experts Group Wien



Michael Bauer-Leeb, Landesprecher der CSR-Experts Group Wien, rät KMUs dringend, sich mit den Themen Green Deal, EU-Taxonomie-VO und Berichtspflicht auseinanderzusetzen. Ansonsten könnte es bereits mittelfristig zu Verlusten bei Wettbewerbsposition und Geschäftsbeziehungen kommen.

Der Green Deal hat die Klimaneutralität, aber auch den Übergang zu einer nachhaltigen Wirtschaft zum Ziel. Das erfordert auch von KMUs eine Auseinandersetzung mit dem Thema Nachhaltigkeit in seiner Gesamtheit. Welche zeitnahen Regulierungen im Rahmen des Green Deal betreffen KMUs?
Direkt von den gesetzlichen Regulierungen betroffen sind KMUs erst 2028, da es einen abgestuften Zeitplan gibt, wie diese Regulierungen wirksam werden. Da ist zum ersten die EU-Taxonomie-Verordnung, ein Klassifikations-Standard, der definiert, was nachhaltige Wirtschaftsaktivitäten sind. Das zweite ist die Nachhaltigkeits-Berichtsplicht CSRD (Corporate Sustainability Reporting Directive) mit den Berichtspflicht-Standard ESRS (European Sustainability Reporting Standard) und das dritte ist die Lieferkettenverordnung CSDD (Corporate Sustainability Due Diligence Directive). All diese Verordnungen wirken sich spätestens ab 2028 direkt auf KMUs aus.

Aber - es ist zu erwarten, dass KMUs von diesen Regulierungen indirekt viel früher betroffen sein werden bzw. teilweise schon sind. Große Unternehmen werden im Rahmen des Green Deal früher berichtspflichtig und müssen in dem Zuge auch über ihre Lieferketten berichten. Hier sind dann oft KMUs gefordert, entsprechende Daten zur Verfügung zu stellen, damit die großen Unternehmen ihre Berichtspflichten erfüllen können.

Wir merken das heute schon bei kleinen Unternehmen, die mit großen Konzernen in Geschäftsbeziehungen stehen. Beispielsweise wurde ein kleines Wiener Unternehmen in der Begrünungsbranche von einem Bekleidungs-Konzern aufgefordert, ein Nachhaltigkeits-Management aufzubauen, weil der Bekleidungs-Konzern berichten muss, wie sich seine Zulieferer im Bereich Nachhaltigkeit verhalten.

Die Banken haben beim Green Deal eine Schlüsselrolle. Was kommt seitens der Banken auf die KMUs zu?
Banken müssen ihre Kreditvergabe und Investitionsentscheidung vermehrt auf Nachhaltigkeitskriterien ausrichten. Das bedeutet, dass sie Investitionen verstärkt auch danach beurteilen, welche Risiken im ökologischen bzw. sozialen Bereich vorhanden sind, sprich welche Auswirkungen ein Investitionsprojekt auf Umwelt und Menschen hat und nicht nur, welches ökonomische Risiko besteht. In Zukunft reicht also kein finanzieller Business-Plan als Entscheidungsgrundlage, wie man es bis jetzt kennt, sondern darüberhinausgehend müssen auch über mögliche Auswirkungen auf Umwelt und Menschen Informationen geliefert werden. Das wird zwar noch dauern, weil Banken selbst in der Umsetzung und im Verständnis dessen, was auf sie zukommt, noch schwimmen. Wenn das aber verstanden wird, und das wird bald sein, dann wird es schnell gehen, weil sämtliche Regulierungen Schritt für Schritt verpflichtend werden. Es wird einen massiven Schub in den nächsten ein bis zwei Jahren geben.

Welche Gefahren birgt es für KMUs, sich nicht mit dem Thema zu beschäftigen?
Die größte Gefahr ist wahrscheinlich der Verlust von Wettbewerbsposition und Geschäftsbeziehungen. Wenn KMUs im B2B-Geschäft mit Großunternehmen stehen, besteht die Gefahr, dass sie ausgelistet werden, weil sie die geforderten Informationen nicht liefern können. Es kann mittelfristig auch sein, dass sie von Banken keine Finanzierungen mehr erhalten, wenn sie keine Nachhaltigkeitsaktivitäten nachweisen. Möglicherweise betrifft das in Folge sogar Versicherungs-Positionen, indem beispielsweise bestimmte Leistungen eines Unternehmens, deren Nachhaltigkeitswirkungen nicht eruiert wurden, nicht mehr versichert werden.

Ich selbst glaube, dass eine Nicht-Beschäftigung mit dieser Thematik letztendlich dazu führen kann, dass Unternehmen langfristig aufhören zu existieren. Wir definieren gerade neu, was wir unter zukunftsfähiger Wirtschaft im 21. Jahrhundert überhaupt verstehen. Das bringt große Veränderungen mit sich. Da braucht es ein großes Umdenken von vielen Unternehmen, das wird aber noch nicht in der Dramatik gesehen, die es haben wird.

Unternehmen sind sehr gut darin, sich im Markt zu positionieren, damit sie erfolgreich sind, zu erkennen, welche Gesetze relevant sind, welche Markttrends wichtig sind, usw. Aber den Blick nach außen zu werfen und sich zu fragen, wie sind denn unsere ökologischen und sozialen Auswirkungen, das machen noch die wenigsten. Das ist aber in der gesamten Regulatorik, die jetzt auf uns zukommt, überall drinnen. Ich sehe das größte Risiko darin, nicht hinzuschauen, wo man steht. Es gilt, einen strukturierten Zugang zu wählen und das große Ganze im Blick zu haben.   

Wo können sich KMUs hinwenden, wenn sie Unterstützung im Bereich Nachhaltigkeit wollen?
Eine gute Ansprechbasis findet sich bei der CSR-Experts Group der Wirtschaftskammer. Diese Expertinnen und Experten haben viel Erfahrung und wissen, was auf die KMUs zukommt. Diese Beratungen werden aktuell auch gut gefördert, allerdings unterschiedlich je nach Bundesländern.  

Michael Bauer-Leeb
https://www.weitsicht.solutions

 


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